Der Name der Band spricht für sich – das Akkordeon steht im Mittelpunkt. Oder auch nicht – schließlich ist jeder der drei Musiker gleichermaßen wichtig für den jazzig-feinen Klang. „Wir sind absolut demokratisch,“ sagt Schlagzeuger Peter Baumgärtner über das seit 2015 bestehende Trio.
„Die Band ist ein sozialer Akt“. Für ihr zweites Album wählten Baumgärtner, Siebenhaar und Bassist Konstantin Wienstroer gleichberechtigt Lieblingsstücke von Bach bis Sting aus. Klassiker des Tango von Carlos Gardel und Paolo Fresu, Pop von den Beatles, Grenzüberschreitendes von Carla Bley.
Dies ist kein „Experten-Jazz“, wie Baumgärtner betont, dies ist „World Music“ im besten Sinne, hochsensible, warme Musik, die ihre Nähe zu Pop, Klassik, Tango und Jazz nicht versteckt – aber niemals nur ein Genre bedient. Jeder der elf Songs dient Accordion Affairs als Sprungbrett für ihre unaufdringlichen Improvisationen. Dabei wirkt kein Solo je erzwungen, alles fließt mühelos ineinander und dient stets dem Song.
„Am Akkordeon kenne ich keinen, der so virtuos ist“, schwärmt Drummer Baumgärtner über den im Alter von zwei Jahren erblindeten Jörg Siebenhaar. „Er packt beim Spielen plötzlich Dinge aus – und du musst reagieren. Wie der swingt! Und er geht immer volles Risiko, spielt nie kalkuliert.“
Wenn man es nicht wüsste, würde man Accordion Affairs für ein Quartett halten. Siebenhaar spielt mit der rechten Hand Akkordeon – und mit links gleichzeitig Klavier. Dass das Instrument kein ambitionsloses Hobby für den studierten Akkordeonisten ist, zeigt der Schlusstitel, eine wunderbar lyrische, auf die Essenz reduzierte Solo-Piano-Improvisation über Bachs Präludium in E-moll.
Seit 2015 spielen Siebenhaar, Baumgärtner und Wienstroer im Trio, durch einen Zufall: ihr Gitarrist steckte im Stau fest, „da mussten wir das so hinzaubern“, wie sich Baumgärtner erinnert. Mit Magie hat die Musik des Trios nichts zu tun, eher schon mit der Gelassenheit erfahrener Berufsmusiker, gestählt durch tausende Konzerte und unzählige Theater- und Filmproduktionen. Die drei können alles spielen – hören immer aber auf ihr Gefühl. Das sagte ihnen beispielsweise, dass es bei der Paul McCartney-Ballade „Here, There and Everywhere“ (vom Album „Revolver“) eine gute Idee sein könnte, wenn der Bass die Stimme des Beatles-Sängers übernimmt. Und wer Wienstroers lässiges Spiel hört, weiß: es ist genau richtig so.
Carla Bleys melancholisches „Lawns“ ist in Moll gehalten, dennoch strahlt hier Lebensfreude hindurch – und große Zärtlichkeit. Stings leichtfüßiger Pop-Song „Straight to My Heart“ bekommt eine vage afrikanisch anmutende Rhythmik, Michel Petruccianis „Colors“ gar einen straighten Groove.
Accordion Affairs – ein eingespieltes Team guter Freunde. Jeder der drei hat seine eigenen Projekte, doch noch lieber sind ihnen gemeinschaftliche Unternehmungen. Wienstroer und der blinde Siebenhaar fahren regelmäßig gemeinsam Fahrrad. Ihre Musik ist ähnlich unbeschwert und sommerlich. Songs, die man am Besten am offenen Fenster mit einer lauen Brise hört. Optional dazu: ein Pfeifchen.